Lukas Wilascheks Kampf in der Niemandsbucht
Blutungen in Gehirn und Wirbelsäule: Schlagartig endete die Karriere des aufstrebenden Boxprofis Lukas Wilaschek. Eine Geschichte über die dunklen Seiten des spektakulären Sports. von Bertram Job, Köln Vor einem Jahr, als "diese Sache" passiert war, hielt er sich zunächst für einen der am meisten bestraften Menschen der Welt. Inzwischen aber hat Lukas Wilaschek die Meinung über sein persönliches Schicksal revidiert. "Heute weiß ich, dass ich noch Glück hatte", sagt er. "Das Leben ist weitergegangen, im Großen und Ganzen geht es mir gut. Der Film hätte ja auch ganz anders enden können. Wobei der Tod noch nicht so schlimm gewesen wäre wie ein Pflegefall zu bleiben."
Prekär ist eine milde Umschreibung für das zerstörerische Potenzial des Sports, dem Wilaschek sich ab dem 14. Lebensjahr verschrieb. "Jeder, der mit dem Boxen zu tun hat, weiß um das Risiko", sagt er - aber auch um die lukrativen Möglichkeiten, die sich den Besten eröffnen. Darauf hatte der in Kattowitz geborene Kölner gehofft, als er nach drei Vize-EM-Titeln und einem Olympiaturnier 2004 von Leverkusens Amateuren in einen Hamburger Profistall wechselte. An der Schwelle zu anhaltendem Ruhm aber wurde er durch zwei fatale Ereignisse gestoppt.
Lukas Wilaschek (l.) in seinem Kampf gegen Laurent Goury aus Frankreich
Der quirlige Supermittelgewichtler war in 22 Profiduellen unbesiegt, als er im Dezember 2008 in Sölden um den internationalen Titel der WBC boxte - und dabei Robert Stieglitz knapp nach Punkten unterlag. Die diskutable Entscheidung nach erbittertem Kampf hatte ein zweites Duell quasi heraufbeschworen, doch in der Vorbereitung musste Wilaschek mehrere Sparringseinheiten wegen starker Kopfschmerzen abbrechen. Der Schmerz ließ und ließ nicht nach, und als er deshalb durch die CT-Röhre geschoben wurde, stellten die Ärzte akute Blutungen im Gehirn sowie in der Wirbelsäule fest.
Wilaschek hätte der prominenteste tragische Fall im deutschen Boxsport werden können seit Jörg Eipel, der 1977 nach einem schweren K.o. 25 Tage bewusstlos blieb. Weil es glücklicherweise aber nicht so kam, verschwand der Boxer, der nicht mehr boxen konnte, lediglich von der Bildfläche. Keine Mitteilung des Promoters klärte über den schlimmen Befund auf, keiner in der Öffentlichkeit hakte nach. Im schnellen TV-Geschäft mit dem spektakulären Sport werden alle Tage neue Helden auf den Schild gehoben - da fiel diese Personalie kaum auf.
Der Betroffene wiederum war zu sehr mit seiner Tour durch Praxen und Kliniken beschäftigt, um nach außen zu gehen - und außerdem noch zu sehr schockiert. "Ich konnte zuerst nicht darüber reden", sagt er, "und ich wollte das auch nicht richtig wahrhaben. Ich hab gehofft, dass es vielleicht doch noch was wird." Es war ein aussichtsloser Kampf in der Niemandsbucht, denn die Beschwerden waren niederschmetternd, nicht nur für einen Hochleistungssportler: Seine Sicht war durch die Blutspuren getrübt, im Schädel quälte "eine Art Druck und manchmal auch so'n Pochen".
So kam sich der Profi, der bisher so zäh und robust auftrat, wie ein Geist in einer zerbrechlichen Vase vor: "Du überlegst jedes Mal: Kann ich jetzt den Kopf nach unten nehmen, kann ich mich bücken? Ganz genau weiß man ja nie." Genauso schwer drückten die Zukunftssorgen. Als einer der wenigen Profis hatte Wilaschek brav in die Berufsgenossenschaft eingezahlt, das sicherte ihm nun die Existenz. Aber eine Perspektive ist das natürlich nicht. "Ich war nervös und immer gleich auf 180", erzählt er. "Das war unerträglich, fragen Sie meine Frau."
Vielleicht war ja Isabella Wilaschek die wahre Heldin in dieser Phase. Sie musste einen Mann aushalten, der über seine Gefühlslage nicht reden wollte, "das ist nicht seine Art", sagt sie. Dazu brachte sie das erste Kind mit einer Gaumen-Lippen-Spalte und manchen Ungewissheiten zur Welt. Dennoch war die Familie der einzige verlässliche Bezugspunkt, weil außer Trainer Michael Timm niemand aus dem Hamburger Gym Kontakt zu ihm hielt. "Eigentlich auch traurig", sagt Wilaschek, "dass man als Sportler in so einer Situation keine Beratung hat."
Anfang dieses Jahres meldete sich Universum-Geschäftsführer Dietmar Poszwa bei ihm, um sich für das Versäumnis zu entschuldigen. "Ich habe dieses Ende einfach verpasst", bedauert der Manager, "keiner hier war sich über die Schwere der Verletzung im Klaren." Seinem früheren Schützling fällt das Verzeihen inzwischen leichter. Seitdem bei neuen Untersuchungen keine Blutungen mehr gefunden wurden, ist er gesund geschrieben. Viermal pro Woche trainiert Wilaschek nun beim Amateurverein SC Colonia Anfänger und Junioren, weitere Aufgaben könnten sich bald ergeben.
Wie dicht er dran war am großen Erfolg, lässt sich in diesen Tagen wieder ahnen. Robert Stieglitz, sein letzter Gegner, ist inzwischen Weltmeister geworden und verteidigt seinen WBO-Titel am Samstag. Dann schaltet auch Wilaschek zu Hause in Rösrath bei Köln den Fernseher an, diese Passion geht wohl nie vorbei. "Ich gehe, ich sehe, ich fühle", sagt er, "das ist okay. Ich bin dankbar für jeden Tag."
Aus der FTD.DE
Vom Boxer zum Sportinvaliden: Lukas Wilascheks Kampf in der Niemandsbucht | FTD.de